auszug aus einem interview mit greil marcus

 

<typohead>woz 16. september 2004
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was sind die positiven aspekte des nihilismus?

 

nihilismus ist essentiell, wenn es darum geht, den boden für etwas neues zu bereiten und ein selbstbestimmtes leben zu organisieren. nur: so läuft es nicht immer.

 

der von guy debord beeinflusste französische philosoph jean baudrillard sagte, dass es keine situation gibt, deren ausgang offen ist, dass jede situation ohnehin dazu bestimmt ist, teil der macht und des spektakels zu werden.

für mich ist das ein viel zu reduktionistisches verständnis. baudrillard ist jemand, dem es freude bereitet zu verkünden, etwas sei tot, statt von etwas beeindruckt zu sein und zu fragen: aber was genau geht hier eigentlich vor? alles was vor sich geht, bestätigt nur, was er bereits wusste. das lässt keinen raum für das neue, das entdecken von dingen, die man zuvor nicht kannte, die man aber zu verstehen versucht und dadurch in den griff kriegen will.

in solchen fällen wird allerdings immer jemand daherkommen und sagen: nun, das gabs aber schon vor 150 jahren. aber das ist nicht der punkt. die frage ist, ob etwas heute vermag, uns oder die welt zu beeindrucken und zu verändern. die idee, dass es keine offenen situationen mehr gibt, ist eine sehr vulgäre leseweise von guy debord durch baudrillard.

 

worauf kam es debord an?

 

guy debord hat sehr deutlich über die macht des spektakels, der images oder der propaganda von falschen ideen geschrieben. er geht dabei fast soweit zu sagen, dass man der macht des falschen nichts mehr entgegensetzen kann, dass der anfang des endes nahe sei. man könnte dabei an den aufsatz von max horkheimer und theodor w. adorno über die kulturindustrie denken: alles ist ein geschlossener zirkel, die tür ist zugeschlagen, es gibt keinen platz mehr für kreativität. diesem punkt nähert sich debord, weil er im spektakel tatsächlich eine immense verblendende kraft sieht. doch dann stoppt er und sagt: es gibt keine vollständige, unumkehrbare verblendung. so etwas wie die zurichtung eines menschen zu einem willenlosen objekt ist nicht möglich. es bleibt immer ein kleiner bruch, und von diesem bruch geht der impuls aus, ihn zu vergrössern. baudrillard sagt stattdessen: die zeiten, zu denen die menschen frei waren, sind vorbei. aber das ist nur einer seiner beerdigungssongs.

 

 

<typohead type="2">«die vorstellung ist beendet. das publikum erhebt sich. es ist zeit, den mantel überzuziehen und nach hause zu gehen. der besucher dreht sich um: kein mantel mehr und kein zuhause.»</typohead>

rosanow über den nihilismus in traité de savoir-vivre à l'usage des jeunes générations von raoul vaneigem 1967