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«ich bin ein vertreter des elitismus»
in einem taz-gespräch äussert sich der argentinische schriftsteller césar aira unter anderem über den kulturbetrieb: gute bücher warten auf einen, man muss aber selbst auf die suche gehen.
die aussage, welche er gegenüber der chilenischen zeitschrift „la calabaza del diablo“ machte, „ich habe keinerlei symphatie für das, was sich populärkultur nennt“, versteht er nebst dem provokativen aspekt auch als ein votum für die hochkultur. „ich vertrete die ansicht, dass die freiheit durch die populärkultur bedroht wird - gewisse dinge werden heute geradezu zwanghaft obligatorisch. zum beispiel das mobiltelefon: zunächst war es ein nützliches utensil, dann wurde es zu einer zwanghaften notwendigkeit, und heute ist der besitz einfach obligatorisch. es gibt nationalparks, in die man die leute ohne ein mobiltelefon nicht hineinlässt. fernsehen ist obligatorisch: die kinder einer familie in argentinien, die keinen fernseher besitzt, können sich angeblich in das schulische leben nicht einfügen, weil die kleinen ihre schulkameraden nicht verstehen. die sprache nicht und auch die spiele nicht. die populärkultur wird zum symbol all dessen, was obligatorisch wird.
hingegen johann sebastian bach, der ist nicht obligatorisch. bach ist frei. will ich bach hören, muss ich eine aufnahme suchen und manchmal muss ich sehr danach suchen. und um die musik zu verstehen, muss ich mich anstrengen. über diese hochkultur öffnet sich ein weg in die freiheit. mein verhältnis zur populärkultur ist eher dialektisch. ich beziehe mich bei meiner arbeit ständig auf die populärkultur. aber dabei geht es mir um eine transformation, die auch die hochkultur verändert.
geht es deshalb darum, den zugang zur hochkultur zu erleichtern, zum beipiel für jüngere leser?
nein, man sollte nichts vereinfachen oder leichter machen. wenn sie so wollen, bin ich ein vertreter des elitismus. elitismus muss nichts schlechtes sein.
meinen sie elitismus oder avantgarde?
avantgarde ist eine andere sache, die mich auch sehr interessiert. ich spreche aber von elitismus als etwas anspruchsvollem, darüber, was eine arbeit tatsächlich kostet, von etwas besonderem und luxuriösem. das erscheint mir gut. ich bin kein anhänger der „verelendungstheorie“, nach denen gute authentische kunst aus den schlechten lebensbedingungen entwächst. oder dass die armen gut sind, nur weil sie arm sind. das ist genauso wenig der fall wie das gegenteil. ich fände es aber sehr viel besser, wenn die armen reich wären.
welche bedeutung hat die literatur für die heutige argentinische kultur?
ich glaube, dass die literatur immer eine minoritäre angelegenheit gewesen ist und sein wird. bücher besitzen eine wunderbare höflichkeit. sie warten auf die leute. das buch ist da, wartet und schweigt. es macht nicht dieses geschrei, von dem wir umgeben sind. das buch steht schweigend da, und ich finde, so soll es sein. ein buch muss man suchen gehen. wer es finden will, findet es. wer nicht, eben nicht. literatur nützt gar nichts, ausser um etwas über literatur zu erfahren. umso weniger, minoritärer, wir sind, die die literatur praktizieren, umso mehr freiheit werden wir haben. je weniger macht und einfluss wir auf die gesellschaft haben, umso mehr werden sie uns in frieden lassen.
neben büchern in etablierten verlagen veröffentlichen sie auch schriften in kleinen projekten wie eloisa cartonera. warum? weil mir diese kleinen verlage gefallen. ich unterstütze sie und bin bei beatriz viterbo in rosaario oder eloisa cartonera in buenos aires einer der gängigsten autoren. vor allem: ich kann schreiben, wie ich will - und das ist wichtig. in einem grossen verlagshaus denkt man an die folgen, fordert einen ausgefeilten stil. aber ich möchte mich in die andere richtung entwickeln, um zu einer tatsächlichen unkultiviertheit zu gelangen. |